Freitag, 5. Mai 2017

Politik, nicht Religion, ist der Grund für den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Von Nauman Sadiq via GPD 
Übersetzt von wunderhaft




4. Mai 2017, Nauman Sadiq für Veterans Today
In letzter Zeit haben sich die orientalischen Vertreter des westlichen Imperialismus angewöhnt vereinfachte historische und theologische Erklärungen für den sunnitisch-schiitischen Konflikt im Mittleren Osten abzugeben, um die Rückschläge der schlecht durchdachten westlichen Militärinterventionen und Stellvertreterkriege, die die Flammen des gegenseitigen Vernichtungskrieges neu entfacht haben, zu vertuschen.

Ein paar selbsternannte "Arabisten" postulieren, daß die Spaltung bis zur Gründung des Islam, vor 1400 Jahren, zurückreiche und behaupten, daß der Konflikt während der Regentschaft des vierten Kalifen, Ali bin Abi Tali, im siebten Jahrhundert v. Chr. entstanden sei. Ich frage mich wie solch "gelehrte" Historiker des Islam den von Amerika geführten Krieg gegen den Terror erklären würden – daß der Grund für den "Kampf der Kulturen" in den Kreuzzügen liege als Richard Löwenherz und Saladin in der Levante aneinander garaten sind und gleichzeitig Höflichkeiten ausgetauscht haben?


In der heutigen Zeit ist der sunnitisch-schiitische Konflikt im Mittleren Osten vor allem ein politischer Kampf zwischen den Autokraten am Arabischen Golf und dem Iran um die regionale Dominanz, der Muslimen im Schein der Religion präsentiert wird. Saudi Arabien, das in der regionalen Geopolitik als Anführer des sunnitischen Blocks mit dem schiitisch dominierten Iran um die Macht konkurriert, war entschieden gegen die Invasion des Irak durch die Bush-Administration im Jahr 2003.

Das Baath-Regime von Saddam Hussein hatte ein sunnitisch-arabisches Bollwerk gegen die Einmischung des Iran in der arabischen Welt errichtet. Aber nachdem Saddam im Jahr 2003 entmachtet worden war und besonders als im Irak Wahlen abgehalten wurden, in denen schiitische Parteien dominierten, wurde der Irak von nun an von einer shiitischen Mehrheitsregierung beherrscht, die in der Region zu einem treuen Verbündeten des Iran geworden ist. Folglich dehnt sich die Einflußsphäre des Iran ringsherum an die benachbarten Grenzen des Irak, Syriens, bis zum Libanon und an die Mittelmeerküste aus.

Außerdem hat sich die Bush-Administration die ethnische und konfessionelle Spaltung zu Nutze gemacht und die Kurden sowie die Schiiten gegen das sunnitisch geführte Baath-Regime Saddam Husseins benutzt. Und während der Besatzung von 2003 bis 2011 wurde die einst herrschende sunnitische Minderheit politisch marginalisiert, was die ethnische und konfessionelle Spaltung im Irak weiter verschärft hat.

Die saudische Königsfamilie war über den iranischen Übergriff auf das traditionelle arabische Kernland verärgert. Aus diesem Grund haben die arabischen Golf-Staaten, gemeinsam mit ihren sunnitischen Verbündeten, der Türkei und Jordanien sowie ihren westlichen Schutzherren, die Proteste bei deren Ausbruch schrittweise militarisiert, um die iranische Achse zu demontieren.

Es wird berichtet, daß Assad-freundliche Milizen aus ebenso aus lokalen Militionären wie aus fremden schiitischen Kämpfern aus den Libanon, dem Irak und sogar aus schiitischen Hazaras aus dem fernen Afghanistan und Pakistan bestehen. Ähnlich haben sich in den vergangenen sechs Jahrens auch sunnitische Jihadisten aus der gesamten Region auf dem syrischen Schlachtfeld zusammengetan. In Syrien, dem Irak und Jemen findet ein regelrechter sunnitisch-schiitischer Krieg statt, der offenbar Auswirkungen auf die gesamte islamische Welt hat, wo sunnitische und schiitische Muslime über Jahrhunderte in relativem Frieden miteinander gelebt haben.

Vor allem der Islamische Staat, die al-Nusra Front und der Großteil der militanten Gruppen in Syrien sind grundsätzlich schiitisch-feindliche sektiererische Organisationen. Auch wenn der Isamische Staat ein paar wenige Terroranschläge gegen westliche Länder verübt hat, wie die bekannten Anschläge in Paris und Brüssel, sehen wir bei der Betrachtung ihrer subversiven Aktivitäten, besonders in Mittleren Osten, daß er im Allgemeinen schiitische Muslime in Syrien und dem Irak ins Visier nimmt. Einige Terroranschläge, die er in den arabischen Golfstaaten verübt hat, zielten ebenso auf schiitische Muslime in der östlichen Provinz Saudi Arabiens und auf schiitische Moscheen in Jemen und Kuweit.

Hinsichtlich der syrischen Opposition setzt sich ein kleiner Teil aus übergelaufenen syrischen Soldaten zusammen, die unter dem Namen der Freien Syrischen Armee kämpfen, jedoch besteht die weit überwiegende Mehrheit aus sunnititsch-arabischen Jihadisten und bewaffneten Stammeskämpfern, die von ihren regionalen und internationalen Schutzherren großzügig finanziert, ausgebildet, bewaffnet und international legitimiert werden.

Der Islamische Staat ist nichts weiter als eine von vielen syrichen militanten Organisationen, andere sind: die al Nusra Front, Ahrar al-Sham, die al- Tawhid Brigade, Jaysh al Islam etc. Alle sunnitisch-arabischen militanten Gruppen, die in Syrien operieren, sind genau so fanatisch und brutal wie der Islamische Staat. Das einzige Merkmal, das den Islamischen Staat von dem Rest unterscheidet, ist, daß er ideologischer und unabhängiger gesinnt ist.

Der Grund, warum die Vereinigten Staaten sich gegen den Islamischen Staat gewandt haben, ist, daß alle anderen militärischen Organisationen in Syrien nur örtliche Ambitionen haben, die darauf beschränkt sind das Assad-Regime zu bekämpfen, während der Islamische Staat ein globales, transnationales Terroristen-Netzwerk aufgebaut hat, das Hunderte westlicher Staatsbürger einschließt, die später zu einem nationalen Risiko für die westlichen Länder werden können.

Nichtsdestotrotz sind die amerikanischen Entscheidungsträher und Analysten, in der Absicht einen Anschein von Objektivität und Fairness zu erwecken, immer gewillt die Schuld für ihre Fehler aus der fernen Vergangenheit zu übernehmen, die jedoch keinen Einfluß auf ihre derzeitige Politik haben. Allerdings wird jeder Umstand, der mit ihrer derzeitige Politik kollidiert, einfach beiseite gewischt.

Im Fall der Entstehung des Islamischen Staates, zum Beispiel, sind die politischen Analysten der VS bereit einzuräumen, daß die Invasion im Irak im Jahr 2003 ein Fehler war, der die irakische Gesellschaft radikalisiert, die konfessionelle Spaltung verschärft und einen unerbittlichen sunnitischen Aufstand gegen die unbeholfenen und diskriminierenden Entscheidungen der schiitisch-dominierten irakischen Regierung erzeugt hat.

Ähnlich geben die Kommentatoren der Ära des "Kriegs gegen den Terror" "großzügig" zu, daß die Entscheidung, während der Politik des Kalten Krieges den Aufbau von al-Qaida, den Taliban und Myriaden anderer so genannter afghanischer "Freiheitskämpfer" gegen die ehemalige Sowjetunion gefördert zu haben, ein Fehler war, weil all diese vollendeten Tatsachen keinen Einfluß auf ihre jetzige Politik haben.

Die Spin-Doktoren der Mainstream Medien vergessen der Einfachheit halber allerdings, daß die Erschaffung des Islamischen Staates und unzähliger anderer sunnitisch-arabischer Jihadisten-Gruppen in Syrien und dem Irak ebenso viel mit der einseitigen Invasion der Bush-Administration in den Irak im Jahrs 2003 zu tun hat wie sie ein Vermächtnis der Obama-Administration war, welche die sunnitischen Milizen gegen das syrische Regime seit 2011, im Anschluß an die Aufstände im Mittleren Osten und Nord-Afrika finanziert, bewaffnet, ausgebildet und international legitimiert hat.

Tatsächlich war die unmittelbare Ursache für den Aufstieg des Islamischen Staats, der al-Nusra Front, Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam und zahlreicher anderer sunnitischer Jihadisten-Gruppen in Syrien und dem Irak die Entscheidung der Obama-Administration durch Stellvertreter in Syrien zu intervenieren.

Abgesehen von Syrien und dem Irak sind Bahrain und Jemen zwei weitere Brennpunkte des sunnitisch-schiitischen Konflikts in der Region des Mittleren Ostens. Als in der Folge des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 friedliche Proteste der schiitischen Mehrheit gegen die sunnitische Monarchie in Barhain begannen, entsandte Saudi-Arabien Tausende seiner eigenen Soldaten über die Grenze um die Demonstrationen niederzuschlagen.

Ähnlich haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, als die vom Iran unterstützten Houthis, ein Zweig des schiitischen Islam, im September 2014 Sana überrannten, eine schlecht durchdachte sunnitische Offensive gegen die Houthi-Miliz gestartet. Der Konflikt im Jemen ist dermaßen
konfessioneller Natur, daß der Führer des jemenitischen Zweigs von al-Qaida, Qasim al-Raymi, erklärt hat, daß al-Qaida an der Seite mit den von den Saudis geführten Verbündeten schon seit einigen Jahren gegen die vom Iran unterstützten Rebellen kämpft.

Diese Enthüllung überrascht deshalb nicht, weil der offizielle Lizenzträger von al-Qaida in Syrien, die al-Nusra Front, das Assad-Regime in den vergangenen sechs Jahren des Bürgerkrieges Hand in Hand mit der syrischen Opposition gekämpft hat.

Welcher orientalistische Lockvogel verfügt nun, da das Feuer des inner-konfessionellen Streits im Mittleren Osten an vier Fronten brennt und die sunnitischen ebenso wie die schiitischen Gemeinden Zeugen eines gnadenlosen Abschlachtens ihrer Glaubensbrüder in Syrien, dem Irak, Jemen und Barhain sind, über die Zeit und Muße nach den theologischen und historischen Ursachen des Konflikts zu suchen? Wie haben sie es als verschiedenen konfessionelle Gruppen geschafft 1400 Jahre zu überleben, wenn die sunnitischen und schiitischen Muslime seit der Gründung des Islam so durstig nach dem Blut der jeweils anderen gewesen sind?

Tatsache ist, daß in neuerer Zeit das Phänomen des islamischen Radikalismus, des Jihadismus und des daraus folgenden sunnitisch-schiitischen Konflikts gerade so alt sind wie der sowjetisch-afhanische Jihad während der späten siebziger- und achziger Jahre, als die Westmächte mit Hilfe saudischen Geldes und pakistanischer Geheimdienste afghanische Jihadisten ausgebildet und bewaffnet haben um gegen die Sowjetischen Truppen in Afghanistan zu kämpfen.

Und der Konflikt hat sich infolge der Aufstände des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 weiter verschärft, als die westlichen Mächte und ihre regionalen Satellitenstaaten wieder einmal die Gelegenheit genutzt und Militante gegen den arabischen Nationalisten Gaddafi in Libyen und das anti-zionistische Assad-Regime in Syrien herangezogen haben.

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Nauman Sadiq ist ein in Islamabad ansässiger Rechtsanwalt, Kolumnist und geopolitischer Analyst mit Schwerpunkt auf die Politik der AfPak-Regoion sowie des Mittleren Osten, die Neokolonialisierung und den Petro-Imperialismus. 


Quelle: http://www.veteranstoday.com/2017/05/04/politics-not-religion-is-the-source-of-sunni-shia-conflict/


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